Absatz Vier ist das ehrlichste Exit-Interview

26. August 2026

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Jede Abschiedsnachricht folgt demselben Muster. Erst Dankbarkeit, dann warme Erinnerungen, irgendwo in Absatz vier etwas Ehrliches, und dann ein schneller Rückzug zur Dankbarkeit, bevor jemand länger darüber nachdenken kann. In den meisten Fällen ist es eines der am sorgfältigsten redigierten Stücke Text, das die Person, die das Unternehmen verlässt, je geschrieben hat.

Diese vierten Absätze sind die ehrlichsten Zeugnisse eurer Unternehmenskultur, die ihr je bekommen werdet. Besser als jede Umfrage - die traut sich sowieso niemand, ehrlich zu beantworten. Besser als jeder Workshop einer teuren Kulturberatung - manche Firmen zahlen viel Geld, um genau dieses Signal herauszukitzeln. Für mich sind Abschiedsnachrichten eine Fundgrube, und ich lese Absatz vier immer mehrfach.

Die höfliche Verpackung ist kein Zufall. Es ist jemand, der die emotionale Arbeit leistet, im Guten zu gehen und trotzdem die Wahrheit zu sagen. Liest man über die Dankesworte und die schönen Erinnerungen an vergangene Projekte hinweg, findet sich meist eine präzise Diagnose: eine Initiative, die sich aufgezwungen anfühlte, eine Rolle, die still verschwand, eine Stimmung, die kippte und sich nie wieder erholte. Es geht eigentlich nicht darum, was passiert ist, oder was schiefgelaufen ist. Es geht darum, wie sich etwas für diese eine Person angefühlt hat, in ihren Umständen, ihrem Kontext, zu diesem bestimmten Zeitpunkt. Ihre Wahrnehmung, ihre Sicht, und wie sehr es sie emotional getroffen hat - so sehr, dass sie deswegen gegangen ist. Es steht alles da, wenn man Absatz vier sorgfältig liest. Und dann noch einmal. Zugegeben, es ist in Herz-Emojis verpackt und bekommt einen Daumen-hoch statt eines echten Gesprächs, aber es steht da.

Absatz Vier ist das ehrlichste Exit-Interview.

Veröffentlicht am 26. August 2026 von Bastian Wilhelms. Mehr über mich.

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